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‚Everybody, put up your phones!‘

Zugegeben, ich hatte mir vom gestrigen Abend etwas anderes erhofft. Als ich Anfang Mai meine Karte für Ed Sheeran in Köln kaufte, war besagter Künstler ein noch recht unbekannter Junge, dessen Debütsong ‚The A-Team‘ zwar häufig im Radio lief, aber sonst in Deutschland noch nicht viel erreicht hatte. Als die Veranstaltung im Sommer  dann von der Live Music Hall (Fassungsvermögen etwa 1400 Personen) ins Palladium (ausgelegt für etwa 4000 Personen) verlegt wurde, hätte ich eigentlich schon stutzen müssen. 

Planmäßiger Konzertbeginn war um 19 Uhr, Einlass eine Stunde vorher. Reicht ja, wenn wir so kurz vor 17.30 Uhr da eintrudeln. Dachten wir. Zu diesem Zeitpunkt war die Schlange schon gut über 600m lang. Die Menschen direkt vor dem Eingang waren bereits seit 6 Uhr morgens dort und trotzten in Alufolie gewickelt der Kälte. Bitte?! 6 Uhr morgens? Vielleicht verständlich bei einem Robbie Williams (und nichtmal dafür würde ich das tun). Aber Ed Sheeran? Das Klientel war wie zu erwarten hauptsächlich U18 und kreischte bereits den Tontechniker an, als dieser die Bühne betrat. Dank der recht großzügigen Architektur des Palladiums entzerrte sich die Masse ein wenig und verteilte sich gleichmäßig auf Garderobe, Klo, Bar und Halle. Allein schon der Andrang hatte mich so abgeschreckt, dass ich nichtmal versuchte, mich in die erste Reihe vorzudrängeln. Ehrlich gesagt hatte ich Angst vor den fauchenden Fangirls und so verkrümelten sich meine Freundin und ich auf die Empore, wo bereits alle Plätze ohne Sichtbehinderung belegt waren. Egal. Uns war zu dem Zeitpunkt, glaube ich, schon alles egal. Wir waren wegen der Musik hier, nicht unbedingt um den kleinen Rothaarigen mit der Gitarre und dem Loop-Pedal aus 5 Meter Entfernung zu sehen. Der Platzwechsel runter zur Bar im Seitenflügel brachte nicht viel, außer, dass man zufällig mal einen Blick auf eine Person auf der Bühne erhaschte.

(c) Passenger

Vorband war Passenger, ehemalige Band und jetzige One-Man-Show (Mike Rosenberg) aus England, die stilistisch weniger auf Beats sondern auf die guten alten Gitarrensounds und tiefgründige Texte setzt. Stimmlich fand ich Passenger eine Wucht, mit definitv mehr Wiedererkennungswert als Ed. Auf der Sympathie-Ebene konnte er auch deutlich mehr punkten als der Main Act – man merkt eben, dass Passenger sich seinen Erfolg erkämpfen musste, denn er kommuniziert ständig mit dem Publikum und erzählt die Hintergrundgeschichten zu seinen Songs. Wird hoffentlich bald ein ganz Großer!

Zu Ed selbst kann ich – so leid es mir tut – nicht allzuviel sagen. Seine Stimme, sein Talent am Loop Pedal und seine Songs haben mich schon auf dem Album überzeugt; auch live war alles prima. Man hat sehr wohl gemerkt, dass Ed Sheeran seinen Ruhm verdient. Dennoch kam ich nicht über den Eindruck hinweg, dass eine gewisse Arroganz in der Luft lag. Die Sympathie, die ich bei Passengers Natürlichkeit und beim Hören von Eds Album hatte, war weg. Meine Begleitung sagte gegen Ende auch sehr treffend: ‚You need me – I don’t need you. Kann man auch auf die Gesamtsituation beziehen‘. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er so gehypt wird, hatte mich auf eine gemütliche Singer/Songwriter-Konzertatmosphäre gefreut und nicht auf eine mit kreischenden Teenies bestückte Riesenhalle.

Vielleicht werde ich aber auch einfach zu alt für solche Konzerte. Mehr als einmal habe ich mir einen Stuhl gewünscht, mehr als hundertmal die Smartphonebesitzer verflucht, die ihre Handys nicht eine Minute mal unten lassen und nur das Konzert genießen konnten. Auf den meisten Fotos, die ich gestern gemacht habe, ist einfach nur eine Bühne mit einem Smartphone davor drauf. Vielleicht bin ich reaktionär, aber ich reagiere nicht auf ‚Everybody, put up your phones!‘. Erstens habe ich keins mit Taschenlampe, zweitens vermisse ich die Feuerzeugromantik. Ich als Sängerin wollte lieber in ein Meer von warmen, kleinen Flammen anstatt in eins von kalten LED-Smartphonetaschenlampen blicken.

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2 Kommentare zu “‚Everybody, put up your phones!‘

  1. Ich empfehle Bernhoft, auch live. Ende letzten Jahres glaube ich noch im Nachtleben, dieses Jahr dann nach ein paar TV-Auftritten in der Batschkapp, ganz großartig. Das Publikum Mitte 20 bis 40, der Künstler sehr entspannt und in der Lage, die ausverkaufte Batschkapp sowohl zu motivieren, als auch mucksmäuschenstill zu kriegen. Leider nicht aus der Batsche, aber toll: http://www.youtube.com/watch?v=gWwUsPvIJao

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